Zum Rufinventar adulter Wasserrallen (Rallus aquaticus)

Aufgrund der Sichtbeschränkung ihres Lebensraumes fällt der akustischen Kommunikation bei der Wasserralle eine hohe Bedeutung zu. In den dichten Schilfbeständen sind akustische Signale wesentlich effektiver als optische Signale, die hier vor allem auf die Kommunikation im Nahfeld beschränkt sind.Die Kenntnis des Lautrepertoires ist nach Exo & Scherzinger eine wesentliche Vorraussetzung zur richtigen Interpretation etho-ökologischer Beobachtungen. Darüber hinaus ist sie für die Bestandserfassungen versteckt lebender Vogelarten oft der einzige Hinweis auf den entsprechenden Verhaltenskontext.

Viele Autoren weisen auf das sehr umfangreiche Lautrepertoire der Wasserralle hin, in den meisten Fällen sind jedoch nur der Erregungsruf sowie die Balzstrophen beschrieben. Eine zusammenfassende Darstellungen fehlt ebenso wie eine einheitliche Nomenklatur der Rufe. Letztere ist aber für die Vergleichbarkeit von Untersuchungen, insbesondere von Bestandserfassungen unbedingte Vorraussetzung.

Der Erregungsruf

Der Erregungsruf ist wohl die bekannteste Lautäußerung der Wasserralle. Oft wird er mit "grunzen" oder "quieken" beschrieben oder als Grunzlaut bezeichnet. Andere Autoren bezeichnen ihn als Balzlaut, jedoch ist diese Lautäußerung keinesfalls nur auf die Balz- oder die Balzzeit beschränkt. Glutz weist auf die verschiedenen Motivationen hin, in der dieser Ruf ausgestoßen wird. Feind bezeichnet diesen Laut als Artruf und beschreibt ihn als "den ureignen und ersten Ausdruck seines Lebensgefühls". In der Tat kann der Erregungsruf keinem bestimmten Verhaltenskontext zugeordnet werden. Er kennzeichnet lediglich einen allgemeinen Beunruhigungszustand des Vogels, dem sexuelle oder antagonistische Motive zugrunde liegen. Es sind auslösende Situationen, die keine Flucht auslösen, sondern nur die besondere Aufmerksamkeit des Vogels wecken. Der einzelnen Elemente nehmen meist im Zeitverlauf in ihrer mittleren Frequenz und Amplitude ab. Zum Ende des Elements werden sie oftmals klangreiner mit einer nach oben gehenden Frequenzmodulation. Bei der Strophe des Weibchens ist in der mittleren Frequenz höher und erscheint tonaler als bei den Elementen der Männchen, außerdem rufen die Weibchen kürzere Elemente. Der Ruf wird im Stehen ausgestoßen, wobei der Vogel den Kopf etwa um 50° bis 60° angehebt. Der Schnabel ist während der gesamten Rufreihe geöffnet, die einzelnen Elemente werden durch die vor und zurückschnellende Zunge erzeugt.

Der Knurrlaut

Eine Variante des Erregungsrufes kann mit knurren umschrieben werden. Der Knurrlaut besteht nur aus zwei oder drei Klang/Geräusch Mischelementen, wobei das letzte meist ein reines Geräusch bildet. Besonders häufig war der Knurrlaut in der Brutzeit zu verhören, wenn man sich im Brutrevier aufhielt. Im Gehege wurde er nur vom auf dem Nest sitzenden Vogel geäußert.

Simultane Vorträge der Erregungsrufe

Besonders in den Abendstunden, kurz nach Sonnenuntergang sind aus Gebieten, in denen mehrere Paare vereilen, simultan vorgetragene Erregungsrufe zu vernehmen. Auf den in der Literatur genannten Begriff Rufduett soll hier jedoch verzichtet werden, da in der Bioakustik unter Duett ein streng synchronisierter Gesang zweier Partner verstanden wird, der sich zu einem einheitlichen Lautmuster zusammenfügt. Der gemeinsame Vortrag des Erregungsrufes ist bei der Wasserralle weder zwingend noch ergibt er ein spezielles Lautmuster. Bei Simultanvorträgen von Paaren kann man meist das etwas höhere und schnellere Weibchen ausmachen.Bei einer Rufkartierung konnten sowohl intra- als auch intersexuelle Simultanrufe ausgemacht werden. Auch beteiligten sich bis zu fünf Vögel gleichzeitig, die meist beim zweiten oder dritten Element des Vorsängers einsetzten.

Schrecklaut

Der Schrecklaut steht im Kontext Flucht oder wird bei direkter Einwirkung der Gefahr geäußert. So riefen einige Rallen eine Folge der Schrecklaute, als sie mit der Hand ergriffen und aus der Falle (s.u.) geholt wurden. Auch bei unmittelbarer intraspezifischer Verfolgung konnte dieser Ruf vernommen werden.

epigame Rufe

Paarfindungsrufe: Der Abgrenzung der Balzrufe ist bei der Wasserralle schwierig und in der Literatur widersprüchlich. Am bekanntesten sind die Rufe, die Andreas (1995) als Paarfindungsrufe bezeichnet. Sie werden grundsätzlich nur von unverpaarten Tieren hervorgebracht oder von getrennten Partnern. Eine Ausnahme bildet jedoch die Situation, in der unverpaarte Rufer sich verpaarten Tieren nähert und einer der Partner, meist das Männchen, in den Paarfindungsruf einfällt. Der Paarfindungsruf des Männchens besteht aus einer Reihe von Kurzlauten. Das einzelne Element klingt wie tick oder gip, zuweilen auch tiefer wie koep. Die Strophe des Weibchens beginnt mit einer Folge von Kurzlauten, die an die tick-Elemente der Männchen erinnern. Meist konnten drei bis acht dieser Elemente gezählt werden.

Kopulationslaut

Kurz vor und oft auch nach einer erfolgten Kopulation äußerte das Männchen eine Strophe, die mit "klopfen" oder "trommeln" zu umschreiben und wie trum-trum-trum-trum... oder mit Doppellauten turum-turum. klingt. Die Vokale sind dabei sehr kurz. Ein einzelnes Element besteht aus einer Doppelsilbe und ist im Mittel 0,2 Sekunden lang, die gesammte Strophe dauerte 5 bis 6 Sekunden und enthielt meist um 20 Elemente.

Stimmfühlungslaute des Paares untereinander

Männchen wie auch Weibchen äußerten bei Begegnungen verschiedene Stimmfühlungslaute. Sie scheinen in erster Linie der Paarfestigung zu dienen.Beim Männchen konnte ein leises "gaggern" festgestellt werden, daß sich mit tück oder tücke beschreiben läßt. Beim Weibchen waren dies meist langgezogene miauende Laute, die mit einem gedehnten "ae" oder mit mi-ae wiedergegeben werden können. Beide Rufe sind nur wenige Meter hörbar.

Nestanzeigeruf

Bei der Nestanzeige sowie beim Nestbau stieß das Männchen knarrende Laute aus, die an den Ruf des Wachtelkönigs erinnern. Es ließen sich deutlich Phrasen mit vier oder fünf gleichförmigen Elementen erkennen, eine Phrase dauerte 0,2 Sekunden und ergab durch die einzelnen Elemente das knarrende Geräusch. Auch die Pausen zwischen den Phrasen lagen bei etwa 0,2 Sekunden. Neben der reinen Nestanzeige wurde der Ruf auch beim Nestbau geäußert. Hier waren die Strophen jedoch kürzer, oft nur mit zwei bis drei Phrasen. Der Nestanzeigeruf wurde nur beim Männchen beobachtet.

Stimmfühlungslaute des Paares zu den Jungen

Der am häufigsten gehörte Kontaktlaut zu den Jungvögeln war ein leises uh oder uhg , mit dem die Altvögel den Kontaktlaut der Jungvögel im Nest beantworteten. Selten wurde auch ein kurzes "knarren" vernommen. Es ähnelte dem Nestanzeigeruf, die Phrasen waren jedoch schneller gereiht und im Tonverlauf leicht ansteigend.

Warnrufe

Führten die Wasserrallen Junge, stießen sie bei Gefahr Warnrufe aus.Es war ein scharfes zieht oder als Doppellaut zie-ieht. Der Tonhöhenverlauf war dabei sehr variabel. In Abb.x sind in dem Klang-Geräusch deutlich zwei Frequenzbänder zu erkennen, wobei das obere stark frequenzmoduliert ist. Bei einigen Rufen fiel die Tonhöhe zur Mitte ab und stieg dann wieder an (ähnlich dem Kiebitzruf) oder stieg erst etwas und fiel zum Ende hin ab. Schwerpunktmäßig wurde der Angst- oder Kältelaut bei Unterkühlung des Jungvogels geäußert.